Anna Metzger im Interview mit Lara Langfort-Riepe
Filter halten nicht jeden Ball – ein Gespräch über TikTok im Klassenzimmer, Australiens Social-Media-Verbot und die Frage, was Schule wirklich leisten kann (November 2026)
Alle Schülerinnen und Schüler haben iPads, die Filter stehen auf Maximum – und trotzdem poppt mitten im Unterricht ein Horrorclown-Video auf. Szenen wie diese sorgen derzeit in vielen Lehrerzimmern und auf Elternabenden für Schnappatmung. Was also tun: alles verbieten oder das Smartphone zum Schulbuch krönen?
Anna Metzger, Referentin für Medienpädagogik am Euregionalen Zentrum für digitale Bildung in Aachen, hat darüber mit der Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Lara Langfort-Riepe gesprochen, die das Zentrum leitet. Ein Gespräch über Torhüter, Tanzvideos und Hausaufgabenhilfe auf YouTube – und darüber, warum ein Influencer-Koffer ins Klassenzimmer gehört.
Wenn der Filter versagt
Anna Metzger: Lara, dieser Moment, wenn die Filter im pädagogischen Netz der Schule vermeintlich versagen, ist für viele Lehrkräfte der absolute Albtraum. Mal ganz ehrlich: Scheitern wirklich die Filter oder liegt das Problem an einer ganz anderen Stelle?
Lara Langfort-Riepe: Filter sind ein wenig wie ein Torhüter. Sie halten viel, aber eben nicht jeden Ball. Kriterien wie die Altersfreigabe werden zwar oft berücksichtigt, aber das Netz ist viel schneller als jedes Update. Darüber hinaus müssen wir uns vor allem fragen, welche Plattform für welche Altersgruppe geeignet ist. Nicht selten werden Plattformen wie YouTube schon in der Grundschule eingesetzt – das kann wichtige Erziehungsansätze in den Elternhäusern untergraben. Schulen müssen sich in dieser Sache kritisch hinterfragen.
„Filter sind wie ein Torhüter: Sie halten viel, aber eben nicht jeden Ball.“
Lara Langfort-Riepe
Wenn wir uns zudem anschauen, dass rund 1,3 Millionen junge Menschen soziale Medien bereits auf eine Weise nutzen, die wir als riskant oder sogar pathologisch bezeichnen, tut das ein Übriges. Im Durchschnitt verbringen 10- bis 17-Jährige jeden Tag etwa zweieinhalb Stunden in Netzwerken wie WhatsApp, TikTok oder Instagram. Wenn wir da nur auf Filter setzen, ignorieren wir, dass soziale Medien heute Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen sind.
Mehr als Tanzvideos
Anna Metzger: Zweieinhalb Stunden – das ist ja quasi eine halbe Netflix-Staffel jeden Tag. Was machen die Kinder und Jugendlichen die ganze Zeit? Nur tanzen auf TikTok?
Lara Langfort-Riepe: Zum Glück nicht. Fast 90 Prozent nutzen soziale Medien auch für die aktive Kommunikation. Und das ist der Punkt, der einen positiven Blick auf die Netzwerke ermöglichen sollte: Für ein Drittel der Jugendlichen sind die Plattformen eine wichtige Nachrichtenquelle. Fast die Hälfte der 12- bis 19-Jährigen nutzt YouTube-Videos ganz gezielt zum Lernen – für Hausaufgaben, Prüfungen oder sogar für die Schulband. Das dürfte viele Lehrkräfte freuen. Ich möchte aber betonen, dass Jugendliche ein YouTube-Konto erst ab 16 Jahren eigenständig verwalten dürfen.
Anna Metzger: Man muss das Thema also von mehreren Seiten beleuchten und darf nicht nur die Herausforderungen sehen, sondern auch die positiven Aspekte?
Lara Langfort-Riepe: Genau.
Verbieten wie Australien?
Anna Metzger: Ein Land hat sich gerade sehr deutlich positioniert: In Australien sind soziale Medien für unter 16-Jährige seit Ende 2025 verboten, Frankreich und Spanien planen Ähnliches. Hand aufs Herz: Wäre ein Verbot nicht die sauberste Lösung für unsere Schulen?
Lara Langfort-Riepe: Das klingt im ersten Moment verlockend. Viele Expertinnen und Experten sprechen sich aber deutlich dagegen aus, auch wenn das Alter natürlich in den Blick genommen werden muss. Fakt ist: Verbote führen oft dazu, dass Jugendliche in unsichere Bereiche abwandern und wenig kontrollierte Alternativen nutzen. Einige leiden dann sogar unter sozialer Isolation. Besonders kritisch ist, dass sie von Informationen und demokratischer Teilhabe abgeschnitten werden.
„Regeln statt Verbote: Wir müssen eine gesunde, selbstregulierte Mediennutzung fördern.“
Lara Langfort-Riepe
Deshalb sagen wir: Regeln statt Verbote. Außerdem sehen wir in Australien große Probleme bei der Durchsetzung. Erste Studien zeigen, dass das Verbot massenhaft umgangen wird. Zudem wurden Messenger wie WhatsApp von Anfang an gar nicht mitgedacht – dabei empfehlen viele Medienratgeber deren Nutzung erst ab 14 Jahren.
Was Schule leisten kann
Anna Metzger: Selbstregulierung klingt in der Theorie super. Aber oft sind schon die Eltern überfordert und regulieren gar nicht mehr. Wie soll die Schule das auffangen? Die hat doch schon genug zu tun.
Lara Langfort-Riepe: Das ist tatsächlich eine sehr große Aufgabe für Schulen, die ohnehin unzählige Themenfelder bearbeiten müssen – ich denke nur an Inklusion oder Migration. Gleichzeitig liegt aus unserer Sicht eine große Chance darin, wenn Schulen sich dieser Aufgabe systematisch stellen. Sie können eine echte Vorbildfunktion einnehmen. Es geht nicht darum, ein Fach Medien obendrauf zu packen, sondern Medienkompetenz gezielt in den Fachunterricht zu integrieren. Das bedeutet auch, offen über Cybermobbing, Cybergrooming und Radikalisierung zu sprechen, statt diese Themen totzuschweigen.
„Medienkompetenz gehört nicht obendrauf, sondern mitten in den Fachunterricht.“
Lara Langfort-Riepe
Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Medienkompetenz – nur so können sie an der digitalen Gesellschaft teilhaben. Und das Beste ist: Mit Medienkompetenz und digitalen Geräten lassen sich auch Bildungsschranken abbauen. Jedes Kind hat dann die Chance, in der Schule gleichermaßen erfolgreich zu sein – unabhängig davon, was die Eltern beruflich machen oder woher es kommt.
Was im Koffer steckt
Anna Metzger: Jetzt wird es spannend: Was hast Du im Koffer, um Schulen zu unterstützen?
Lara Langfort-Riepe: Das ist durchaus wörtlich gemeint! Es gibt zum Beispiel einen Influencer*innen-Koffer, den Lehr- und Fachkräfte bei uns im Euregionalen Zentrum für digitale Bildung ausleihen und direkt im Unterricht einsetzen können. Oder das Projekt Medienscouts NRW, das es inzwischen auch für Grundschulen gibt. Dort werden einige Kinder zu Medienexpertinnen und -experten qualifiziert und helfen sich gegenseitig – Peer-to-Peer-Education, also Lernen auf Augenhöhe. Für die Jüngeren in Klasse 3 und 4 gibt es außerdem ganz neu das Projekt DigiNautis der Suchthilfe Aachen, das einer exzessiven Mediennutzung vorbeugen soll.
Anna Metzger: Ein Influencer-Koffer im Klassenzimmer – ich sehe schon die ersten Lehrkräfte, die ihre eigene Show starten. Aber im Ernst: Das klingt nach einem Plan. Also weg von der reinen Internetpolizei, hin zur Begleitung?
Lara Langfort-Riepe: Ungefähr so. Wir müssen das Netz aber dennoch als Rechtsraum begreifen, in dem wir Jugendliche nicht allein lassen. Plattformen müssen durch Gesetze wie den Digital Services Act, ein europäisches Gesetz, sicherer werden. Das läuft gerade erst richtig an, und wir müssen schauen, welche Auswirkungen es hat. Es braucht auf jeden Fall besseren Datenschutz und weniger Werbung. Die eigentliche Kompetenz, beispielsweise zu erkennen, was echt und was fake ist, lernen junge Menschen aber eher in der Schule.
Das Fazit
Anna Metzger: Ein echt guter erster Einblick! Wenn ich kurz zusammenfassen darf: Filter sind gut, aber kein Allheilmittel. Verbote allein bringen noch keine selbstregulierte Mediennutzung. Und Schulen sind nicht allein: Mit Projekten wie den Medienscouts und Qualifizierungsangeboten, etwa vom Euregionalen Zentrum für digitale Bildung, erhalten Lehrkräfte wichtige Werkzeuge, um Kinder und Jugendliche fit für die digitale Welt zu machen.
Lara Langfort-Riepe: Fast perfekt zusammengefasst! Die wichtigste Botschaft sollte aber sein: Liebe Schulen, geht mit gutem Beispiel voran. Verwendet Plattformen, die tatsächlich altersgerecht sind, stellt klare Regeln auf und fordert deren Einhaltung ein. Und nutzt die zahlreichen geprüften Angebote im Bereich Medienbildung, etwa die Bildungsmediathek NRW, die wir anbieten, oder die Materialien von SCHAU HIN!
„Digitalisierung ist kein Schicksal, das uns passiert – sondern etwas, das wir aktiv gestalten können.“
Lara Langfort-Riepe
Und ein kleiner Appell an die Eltern, denn diese müssen unbedingt mitgenommen werden, weil sie ein zentraler Baustein der Medienerziehung sind: Liebe Eltern, wenn Ihr Euch informieren möchtet, nutzt zum Beispiel die Elternangebote von klicksafe. Oder schaut bei FLIMMO nach, welche Streaming- und Fernsehangebote aus pädagogischer Sicht für Eure Kinder geeignet sind.
Anna Metzger: Vielen Dank, Lara, für Deine Insights! Und an alle Leserinnen und Leser: Die Links zu den Medienscouts und zum Influencer*innen-Koffer finden Sie unter diesem Beitrag. Probieren Sie es aus und seien Sie Vorbilder!
Angebote des Euregionalen Zentrums für digitale Bildung unter: www.medienzentrum-aachen.de
Weitere Informationen zum Projekt „Medienscouts NRW“ unter: www.medienscouts-nrw.de

Anna Metzger

Lara Langfort-Riepe
Über die Autorinnen: Anna und Lara lernten sich vor vielen Jahren bei einer medienpädagogischen Veranstaltung des Landtags NRW kennen. Seit 2018 arbeiten die beiden Medienexpertinnen eng zusammen. Ihre Expertise basiert auf einem medienpädagogischen Studienschwerpunkt und vielfältigen Praxiserfahrungen aus Projekten mit unterschiedlichen Träger*innen im In- und Ausland. Was sie verbindet: die Überzeugung, dass erfolgreiche Medienbildung eine konzeptionelle Grundlage braucht – möglichst praxiserprobt und nah an der aktuellen Forschung.
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